Dachverband der Wiener Privatkindergärten und -horte

 

A do hob´ i scho gnua ... (2001)

Kinderbetreuungsszenarien im Nestroy-Jahr

F. Tatzber

 

Wahlzeiten im Land der Schnitzel und Stelzen bringen nicht nur krummgelogene Balken, sondern auch die Standpunkte der politischen Parteien an das grelle Licht der Öffentlichkeit. Standpunkte im mathematisch wahrsten Sinn des Wortes. (Ein Punkt hat die Fläche Null. Welchen Gesichtskreis hat daher ein Standpunkt? Eben) Gleichzeitig wird in diesem Jahr der geniale Volksdichter J.N. Nestroy gefeiert. Demütig verneigt sich der Autor dieser Zeilen vor dem Genie. Johann Nepomuk schau oba. Was wäre ihm wohl zu den Zuständen in der Kinderbetreuung in Wien eingefallen, oder wäre er selbst eingefallen, oder wäre er gar ausfällig geworden?

 

Die Männer haben´s guat ...

 

... und mit Brutpflege wenig am Huat. Vielleicht ist die Tatsache, dass Politik nach wie vor eine Männerdomäne darstellt, einer der Gründe dafür, dass viele Massnahmen im Bereich der Aufzucht und Pflege des p.t. Nachwuchses am besten mit der Phrase "gut gemeint" beschreibbar ist, wohinter sich allerdings meist das Gegenteil von gut verbirgt. Beispiel Kindergeld: Als Verfechter des "arbeitslosen Grundeinkommens" kann man wenig bis gar nichts dagegen haben, dass das Füllhorn des übervollen Familienlastenausgleichsfonds (FLAG, dieses Wort wäre nicht einmal Nestroy eingefallen, dazu braucht es beamtete Administratoren) an Mütter mit Kindern bis zum dritten Lebensjahr ausgeschüttet werden soll. Nur sollte man dann dazu nicht "Kindergeld", sondern entlarvender "Elterngeld" dazu sagen. Immerhin wird die Versicherungsleistung Karenzgeld zur Versorgungsleistung Kindergeld. Die unmittelbaren Folgen betreffen die materielle Situation der Eltern. Es erhält eine Bevölkerungsgruppe, welche üblicherweise ihren Einkommenszenit noch nicht erreicht hat, finanzielle Zuwendungen. Das ist natürlich grundsätzlich einmal vernünftig, wären da nicht hässliche ideologische Nebengeräusche. Zum Einen werden Mütter aus dem Sozialversicherungsschutz "herausgekauft", weil Pensionszeiten nur durch aktive (Teilzeit)Beschäftigung erworben werden können. Im Prinzip ist das das genaue Gegenteil des in den siebziger Jahren erfundenen "Nachkaufes von Sozialversicherungszeiten". Frauen tappen wieder einmal in die übliche Falle: Sie können gute Mütter mit geringer sozialer Absicherung sein oder Karrieristinnen mit Pensionsanspruch. Und das Kindergeld dient zum Abstottern der Raten für das neue Auto. So fördern wir damit die Hochkonjunktur. A do hob i scho gnua.

 

Die Welt steht auf kan Fall mehr lang

 

Nicht nur Kometen, mitunter auch kometenhafte Aufsteiger können zum stetigen Unbill der privaten Betreiber von Kinderbetreuungseinrichtungen beitragen. So wurde zum Beispiel ein gewisser Dr. V. Leiter der Öf A (MA 11a), nachdem er sich zuvor um die Sanierung des Schlachthofes gekümmert und dem Vernehmen nach verdient gemacht hatte. Daraus resultiert offenbar ein gewisser berufsbedingter Mangel an Sensibilität gegenüber dem Bereich, für den er jetzt verantwortlich ist. Der Unterschied zwischen Fleischgewinnungsanstalten und Kinderbetreuungseinrichtungen ist dem guten Mann noch nicht vollständig klar, vielmehr versucht er deren Gemeinsamkeiten in Zahlenwerke und Gesetzestexte zu giessen. So zum Beispiel bezeichnet er Förderungen an private Kinderbetreuungseinrichtungen als "milde Gaben" ohne zu bedenken, dass diese Förderungsmittel vor allem ja den Kindern und deren Eltern zugute kommen. (Schliesslich war ja auch die neue Schlachtschussanlage geradezu human im Vergleich zur alten. Wenn das kein Fortschritt ist!) Den unterschiedlichen Aufwand an Gemeindemitteln für Gemeindekindergärten und private Betreiber (Das Verhältnis ist 10:1 bei annähernd gleich viel betreuten Kindern, Anm. d. Red) führt er auf einige wenige Gemeindebetriebe zurück, welche behinderte Kinder betreuen. Das ist zwar personalintensiv, erklärt aber in keiner Weise, warum ein stinknormaler Gemeindekindergarten die zehnfachen Errichtungskosten hat wie ein vergleichbarer privater. Wir sind überzeugt, dass der gute Mann rechnen kann. Warum um alles in der Welt will er es als Leiter der MA11a plötzlich verlernt haben?

 

Noch zwei Beispiele zu seiner Qualifikation: Kinder- und Jugendfürsorge und somit Kinderbetreuung und -bildung sind in der BAO (Bundesabgabenordnung) taxativ unter den gemeinnützigen Tätigkeiten aufgeführt. Der Gemeinde und Dr. V. genügt das aber nicht. Da muss zur gemeinnützigen Tätigkeit auch noch die gemeinnützige Rechtsform kommen, sonst öffnet die Gemeinde nicht die Geldkatze. Damit die Kindergärten so gemeinnützig werden wie beispielsweise der sattsam bekannte gemeinnützige Verein Euroteam? Wieso gibt es bei der Beisl- und Garagenförderung keine Bedenken hinsichtlich gemeinnütziger Rechtsform, wieso hat es sie bei der sogenannten Polenhilfe nicht gegeben? Möglicherweise, weil Personal von Schlachthöfen dem Saufen, Rasen und lustvoller Hotelbenützung einen höheren Stellenwert beimisst als Kinderbetreuung? Dann sollte sich schleunigst jemand finden, der dem guten Mann den Unterschied zwischen Kindergärten und Schlachthöfen nachdrücklich beibringt. Der Dachverband der Wiener Privatkindergärten & -horte stellt sich gerne zur Verfügung. Oder ist´s magistratische Architektur, von Genierer ka Spur? A do hob i scho gnua.

 

Ned amol ignorieren

 

Noch ein Zitat von Johann Nepomuk, das sich trefflich als Überschrift zu einer satirischen Abhandlung über die Verhältnisse in der Kinderbetreuung in Wien eignet. Wenn ein Finanzminister gleichzeitig Steuerberater ist, ist das unvereinbar. Wenn der Gesundheitsminister Besitzer einer Arzneimittelfirma ist, ist das unvereinbar. Wenn ein Richter gleichzeitig Polizist wäre, wäre das unvereinbar. Aber dass ein und die selbe Behörde Kindergärten betreibt und über die Vergabe von Förderungsmitteln an die Mitbewerber entscheidet, das soll nicht unvereinbar ein? Früher war es ja noch schlimmer, da hat diese Behörde auch noch die Kommissionierung und die Kontrolle aller Kindergärten wahrgenommen. Unvereinbar hoch drei, sozusagen. Und weil das alles ja jetzt viel besser ist, ist es nicht mehr unvereinbar, sagt die Behörde, die Kindergärten betreibt und über die Vergabe von Förderungsmitteln an private Kinderbetreuungseinrichtungen entscheidet. Zu ebener Erde und im ersten Stock. Sozialkritik war Nestroys Sache, Selbstkritik ist nicht die Sache der Gemeinde Wien.

 

Ein immer wieder kehrendes Argument zur Beibehaltung von Missständen in der Kinderbetreuung in Wien lautet: "Es fehlt der politische Wille." Der fehlt schon seit mehr als zweihundert Jahren, nicht nur wir, auch Johann Nepomuk hatte darunter zu leiden. Heute sind es Probleme nicht einmal ignorierende Behörden, damals war es halt die Zensur. Folgende Anekdote ist aus mehreren Quellen überliefert. Hinter der Bühne standen bei Nestroys Auftritten Geheimpolizisten und notierten seine Unbotmäßigkeiten gegenüber den Zensoren. Eines Abends drehte Johann Nepomuk dem Publikum den Rücken zu und verneigte sich tief vor den hinter der Bühne postierten Polizisten, die das Publikum natürlich nicht sah. Daher musste es für das Publikum so aussehen, als reckte Nestroy seinen Allerwertesten in Richtung Loge, in der damals wie heute die politisch Mächtigen sassen. Danach wandte er sich dem befremdeten Publikum wieder zu und sagte, das sei eben seine Art die Obrigkeit von Angesicht zu Angesicht zu grüssen. Niemand konnte ihm deswegen etwas anhaben. Nun denn, so grüssen wir auch die Obrigkeit also von Angesicht zu Angesicht, nur eben auf unsere Art. Und wir werden sie so lange so grüssen, bis die seit Jahrzehnten bestehenden Ungerechtigkeiten, Unvereinbarkeiten und Unsäglichkeiten im Bereich der Kinderbetreuung in Wien endgültig ausgeräumt sind und wir in einer zivilisierten Gesellschaft leben, die diesen Namen auch verdient. Dass wir zu Zusammenarbeit jederzeit bereit sind, haben wir immer wieder betont und wir betonen es auch jetzt. Nicht einmal ignoriert haben sie uns bis jetzt. Aber sei beruhigt, Johann Nepomuk: Wenn die Politik kuscht, der Dachverband gibt ka Ruah. Und da kriagn ma net gnua und da kriagn ma net gnua.